AntiRassismus-AG

Was bedeutet eigentlich der Begriff „Rasse“? Dazu gibt es diverse Meinungen, Vorstellungen und Theorien. Politisch wurde er und wird immer noch von Rassisten benutzt, um Menschengruppen in mehr oder weniger wertvolle zu katalogisieren und die „weniger wertvollen“ zu diskriminieren.

2019 fand in Jena an der Friedrich-Schiller-Universität eine Veran-staltung statt, die sich ausführlich mit der Geschichte des Begriffs „Rasse“ beschäftigte.

Es entstand die „Jenaer Erklärung“, die wir für lesenswert halten und aus der wir zitieren.

Jenaer Erklärung

„Das Konzept der Rasse ist das Ergebnis von Rassismus
und nicht dessen Voraussetzung“

„… Die Verknüpfung von Merkmalen wie der Hautfarbe mit Eigenschaften oder gar angeblich genetisch fixierten Persönlichkeitsmerkmalen und Verhaltensweisen, wie sie in der Blütezeit des anthropologischen Rassismus verwendet wurden, ist inzwischen eindeutig widerlegt. Diese Argumentation heute noch als angeblich wissenschaftlich zu verwenden, ist falsch und niederträchtig. Es gibt auch keinen wissenschaftlich nachgewiesenen Zusammenhang zwischen Intelligenz und geographischer Herkunft, aber einen deutlichen mit sozialer Herkunft. Auch hier schafft Rassismus in Form von Ausgrenzung und Diskriminierung die vermeintlichen Rassen. Der Rassismus unter den Menschen besteht jedoch weiter. Rassenforschung, Rassenkunde und Rassenhygiene bzw. Eugenik im 20. Jahrhundert als scheinbar wissenschaftliche Disziplinen waren dabei nur einige Auswüchse rassistischen Denkens und Handelns. Eine bloße Streichung des Wortes „Rasse“ aus unserem Sprachgebrauch wird Intoleranz und Rassismus nicht verhindern. Ein Kennzeichen heutiger Formen des Rassismus ist bereits die Vermeidung des Begriffes „Rasse“ gerade in rechtsradikalen und fremdenfeindlichen Milieus. Rassistisches Denken wird mit Begriffen wie Selektion, Reinhaltung oder Ethnopluralismus aufrechterhalten. Bei dem Begriff des Ethnopluralismus handelt es sich aber um nichts weiter als um eine Neuformulierung der Ideen der Apartheid. Auch die Kennzeichnung „des Afrikaners” als vermeintliche Bedrohung Europas und die Zuordnung bestimmter, biologischer Eigenschaften stehen in direkter Tradition des übelsten Rassismus vergangener Zeiten.

Sorgen wir also dafür, dass nie wieder mit scheinbar biologischen Begründungen Menschen diskriminiert werden und erinnern wir uns und andere daran, dass es der Rassismus ist, der Rassen geschaffen hat und die Zoologie/Anthropologie sich unrühmlich an vermeintlich
biologischen Begründungen beteiligt hat. Der Nichtgebrauch des Begriffes Rasse sollte heute und zukünftig zur wissenschaftlichen Redlichkeit gehören.“

Hier der vollständige Text:

Worum es uns in der AG geht

Die AntiRassismus AG der OMAS-GEGEN-RECHTS-BERLIN hat sich mit dem Ziel zusammengefunden, Klarheit darüber zu verschaffen, was unser Denken und Handeln prägt im Hinblick auf Menschen, die -zumindest dem Anschein nach-, aus anderen Kulturen kommen als wir selbst.

Wir gehen von der Prämisse aus, dass es keine wissenschaftlich-biologisch begründeten menschlichen „Rassen“ gibt, wohl aber Rassismus. Viele leichtfertig dahingesagten Bemerkungen gegenüber scheinbar Anderen mögen uns harmlos vorkommen, beinhalten dennoch eine Herabsetzung, die in Diskriminierung mündet. Deshalb müssen wir uns sensibilisieren, stärker differenzieren und Sprache bewusster nutzen.

In unserer AG machen wir uns Gedanken über alltäglichen Rassismus. Wir sprechen uns entschieden gegen Ab- und Ausgrenzung aus. Wir gehen dabei selbstkritisch mit der Frage um, welche Gedanken uns kommen, wenn wir Menschen begegnen, die sich vom eigenen Erscheinungsbild unterscheiden. Das Vorenthalten von Menschenrechten, Benachteiligungen im Alltag, z.B. bei der Job- oder Wohnungssuche, fußt auf oft unbewussten Vorurteilen.

Die Klimakrise, die zum größten Teil von westlichen Ländern verursacht wird, trifft Menschen im globalen Süden besonders hart. Wenn diese Menschen dann als sogenannte Klima-Flüchtlinge zu uns kommen und Hilfe suchen, werden sie oft unter Gewaltanwendung abgewiesen.

Ein weiterer Schwerpunkt unserer Gruppe ist, eine klare Position zum Antisemitismus zu artikulieren. Wir wollen, dass der Judenfeindlichkeit in unserer Gesellschaft kein Raum zugestanden wird. Es bedarf hierzu auch einer ehrlichen Auseinandersetzung mit den eigenen Vorurteilen und Haltungen.

Auch lesen wir Sachbücher und Texte zu den genannten Themen. Wir haben uns alte sowie neuere Kinder- und Jugendbücher vorgenommen und lesen sie erneut kritisch mit Strategien, wie wir solche Geschichten heute mit unseren Enkeln und Enkelinnen besprechen können.

Wichtig ist uns: Welchen Beitrag können wir OMAS leisten, um diese destruktiven Phänomene in der Gesellschaft bewusst zu machen und zu bekämpfen.

**********************

Was wir aktuell tun

Sommer 2022

Im Juni haben wir uns an der Gedenkaktion „Beim Namen nennen – Sterben auf dem Weg zur Hoffnung“, die von der Heilig Kreuz- und der Passionskirche in Kreuzberg nach Schweizer Vorbild veranstaltet wurden, beteiligt.  Für diese Aktion „Jeder Name zählt“, die am 18.6.2022 stattfand, haben OMAs und viele andere Freiwillige 10.000 weiße Bänder beschriftet, die an die mehr als 48.000 Opfer erinnern sollen, die beim Überqueren des Mittelmeeres auf dem Weg nach Schutz in Europa ums Leben gekommen sind.


Weiterhin steht die AG in Briefkontakt mit der Stadtverwaltung von Plauen, um anzuregen, dass die vielen, überall in Plauen sichtbaren Skulpturen des berühmten Plauener Bürgers, e.o. plauen (Erich Ohser), Zeichner und Karikaturist, Schöpfer der “Vater und Sohn“- Gestalten, mit dem Hinweis versehen werden sollten, dass e.o. plauen ein Verfolgter des Nazi Regimes war, der sich kurz vor seiner Gerichtsverhandlung am 6. April 1944, das Leben genommen hat.  

Ein Anliegen ist uns auch, die Ungleichbehandlung Geflüchteter anzuprangern. U.a. schreiben wir deshalb Briefe an Politiker, in denen unsere Kritik an der z.T. rassistisch geprägten Diskriminierung Geflüchteter ausgedrückt wird. Wir fordern darin eine schnelle Eingliederung Geflüchteter aller Herkunftsländer in soziale Netzwerke und den Arbeitsmarkt. Dies nicht zu tun, arbeitet rechtsradikalen Gruppen in die Hände, die mit diesem Thema zu einer weiteren Spaltung unserer Gesellschaft beitragen.

Oktober, November 2021

Kinder- und Jugendbuch-Kommentare der AntiRassismus AG

Bei der Diskussion über rassistische Prägungen durch von uns lange ohne Reflexion genutzte Kulturgüter (Musik/Opern, Bücher etc.) haben wir festgestellt, dass auch ein prüfender Blick auf zum Teil von uns sehr geliebte Kinderbücher wichtig ist.

Durch die Sensibilisierung für dieses Thema wurden uns zum Teil erst jetzt problematische Aspekte in insgesamt „fortschrittlichen“ Kinderbüchern deutlich, weil diese Sichtweise früher einfach selbstverständlich zu unserer „weißen“ Sozialisation gehörte.

Wir haben uns in unserem Umfeld verbreitete Kinderbücher unter dem Aspekt angesehen, wieweit sie rassistisch-diskriminierende Sprache oder Sichtweisen enthalten oder gegen diese gerade problematisieren.

Viele von uns haben oft Kontakt mit Kindern, zum Teil  Enkelkindern. Wir möchten durch unsere Kommentare Anregung und Unterstützung dafür geben, mit den Kindern in welcher Weise auch immer (vielleicht kann man sogar zusammen darüber lachen, welch unsinnige Vorstellungen manchmal in den Büchern auftauchen) zu thematisieren, wo diskriminierende Sprache oder Vorstellungen enthalten sind.

Oder wie toll es ist, wenn gerade dagegen etwas gesetzt wird.

Folgende Bücher haben wir ausgesucht:

– Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer

– Pippi Langstrumpf

– Harry Potter

Vielleicht haben andere OMAs Lust, zu anderen Kinderbüchern einen Kommentar unter diesem Aspekt zu schreiben. 

JIM KNOPF UND LUKAS DER LOKOMOTIVFÜHRER von Michael Ende

Ine Kayser

Die Hauptperson ist der kleine schwarze Waisenjunge Jim Knopf, der mit seinem großen Freund, dem Lokomotivführer Lukas, phantastische, atemberaubende Abenteuer erlebt.

Jim wird als durchweg positive, liebenswerte Person dargestellt, manchmal mit kindlichen Ängsten, dann aber ganz mutig und mit tollen Ideen, durch die die schwierigsten Situatonen gemeistert werden.

Als er als Baby in einem falsch geleiteten Paket auf der Insel Lummerland ankommt, wird er von den vier Inselbewohnern so begrüßt:

„Ein Baby,…,ein schwarzes Baby!“

„Das dürfte vermutlich ein kleiner Neger sein.“

„das ist erstaunlich, sehr erstaunlich!“

Alle kümmern sich über die Jahre liebevoll um ihn, er wird „ein richtiger Junge, der Streiche machte“ (die Vorstellungen von Junge/Mädchen sind im ganzen Buch sehr altmodisch), die Hautfarbe ist kein Thema.

Problematisch ist eine Stelle, in der erwähnt wird, dass er „sich nicht besonders gerne waschen mochte – eben wie alle kleinen Buben. Das Waschen fand er besonders überflüssig, weil er ja sowieso schwarz war, und man gar nicht sehen konnte, ob sein Hals sauber war oder nicht.“

Diese Formulierungen finde ich aus meiner heutigen Sicht diskriminierend. 

Jetzt sehe ich, wie schmerzhaft so eine Stelle für dunkelhäutige Kinder sein muss, die öfter mal die Aufforderung zu hören bekommen, sich doch mal zu waschen und was für Vorstellungen damit eventuell in den Köpfen von hellhäutgen Kindern entstehen.

Wichtig wäre, diese Bilder bei der Lektüre mit Kindern zu besprechen, z.B. „wie würde sich das für dich wohl anfühlen….“

Insgesamt wird aber in dem Buch deutlich, dass Michael Ende „Jim Knopf“ mit einer zum Teil auch ausdrücklichen Ausrichtung gegen jeden Rassismus und jede Ausgrenzung geschrieben hat.

So steht am Eingang von „Kummerland“dem negativen Gegenbild von „Lummerland“, der freundlichen Heimat von Jim und Lukas, ein Schild

„DER EINTRITT IST NICHT REINRASSIGEN DRACHEN BEI TODESSTRAFE VERBOTEN!“ Ein direkter Angriff auf die Rassenideologie.

Und der „Scheinriese“ Tur Tur erklärt auf die Frage nach seinem Aussehen:“Eine Menge Menschen haben doch irgendwelche besonderen Eigenschaften. Herr Knopf zum Beispiel hat eine schwarze Haut. So ist er von Natur aus, und dabei ist weiter nichts Seltsames, nicht wahr? Aber so denken leider die meisten Leute nicht. Wenn sie selber zum Beispiel weiß sind, sind sie überzeugt, nur ihre Farbe wäre richtig…“

Für mich ist Jim Knopf deshalb weiterhin ein wunderbares Kinderbuch, das die Gleichwertigkeit der Menschen betont.

Die problematischen Stellen am Anfang sollten mit den Kindern thematisiert werden.

PIPPI LANGSTRUMPF und PIPPI LANGSTRUMPF GEHT AND BORD von Astrid Lindgren

PIPPI IN TAKA TUKA LAND ist in mehreren Stadtbibliotheken Berlins aus dem Sortiment genommen worden

Doris H. Gray

Wie Ine oben schreibt, habe auch ich die Pippi Langstrumpf – Bücher meinen Kindern vorgelesen.

Heute muss ich feststellen, dass diese 1941 verfassten und in 1949 in Deutschland erstmals erschienene Bücher doch recht altbacken erscheinen. Wer ruft heute bei einer Behörde in Portugal an, um herauszufinden, was die Hauptstadt dieses Landes ist? Tiere, die beim Zirkus „Kunststücke“ vorführen sind auch heute kaum noch Thema.

Auffällig ist, wie wenig Klassenunterschiede problematisiert werden. Wenn sich die Damen beim Kaffeekränzchen über ihre Hausangestellten beschweren – die entweder nicht ordentlich putzen, stehlen oder heimlich die Kleider der Hausdame anziehen – reagiert Pippi mit fantastischen Geschichten, was ihre Hausangestellte alles angestellt hat.

Auch wenn Pippi von aussergewöhnlichen Gewohnheiten der Menschen in anderen Ländern berichtet, würde man aus heutiger Sicht Phantasienamen benutzen und nicht die von wirklich existierenden Ländern. In „Pippi Langstrumpf geht an Bord“ erzählt Pippi von den „Hottentotten,“ eine Bezeichnung die in Südafrika entstanden ist und in abwertender Weise die Menschen von Namibia bezeichnet, insbesondere die der Volksgruppen der Nama, Korana und Griqua.

Dennoch ist Pippi nach wie vor eine der wenigen Mädchenfiguren der Kinderbuchliteratur vergangener Zeiten, die stark, eigenbestimmt, unkonventionell ist und sich üblichen Schönheitsidealen und Moden entgegenstellt. Daher eignen sich diese Bücher immer noch zum gemeinsamen Lesen und zum Besprechen, wie man früher Menschen aus anderen Kulturkreisen aus Unkenntnis und Desinteresse falsch beschrieben hat.

HARRY POTTER von Joanne K. Rowling

A. Dombrowski

Auch Jugendbücher, die neben dem Zweck der Unterhaltung explizit Werte wie das Eintreten für Toleranz und Gerechtigkeit vermitteln möchten, wie zum Beispiel die Harry Potter Bände sind nicht frei von sprachlichen Problemen.

So wird z.B. einerseits empathisch dargestellt, wie eine der drei Hauptpersonen, nämlich Hermine unter rassistischen Beleidigungen (Schlammblut) leidet und die Freunde Harry und Ron darüber empört sind.

Andererseits lautet der Titel des 6. Bandes: Harry Potter und der Halbblutprinz (engl. Half-Blood-Prince). Diese Sprachkonstruktion erscheint fragwürdig und bedarf sicherlich der Diskussion.

Im Jugendroman The Hate U Give (Der englische Titel wurde auch in der deutschen Übersetzung beibehalten.) von Angie Thomas (2017) ist die Auseinandersetzung mit dem Thema Rassismus das zentrale Thema. Für Jugendliche ansprechend und spannend geschrieben, bietet er Denkanstöße und fordert heraus, sich selbst zu positionieren.

Oktober-November 2021