April 2026
Betina und Verena in den Medien: Sie erklären, warum sie bei den OMAS sind und was ihnen die OMAS bedeuten. Hört einfach rein:
Unsere OMAS Verena und Betina bei Nadja Raabe im Podcast GUTEN MORGEN BERLIN am 17.04.2026
Im Gespräch mit Kim geht es Betina vor allem um Gefahren für Demokratie und Freiheit und ihre Motivation sich mit den OMAS GEGEN RECHTS dagegen zu engagieren.

Die Geschichte einer Oma gegen Rechts
Dieser Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende, Ausgabe 11/2026.
Von Nadja Klinger • Fotografie: Lena Giovanazzi
Als Kind musste sie mit ihrem Vater Überlebenstraining machen. Sie hat nicht verstanden, warum. Doris Gray ist eine Oma gegen Rechts. Und weiß heute sehr genau, warum.
Wir werden geboren, dann erleben wir das Leben. Finden heraus, dass unser Erscheinen auf der Welt nicht der Anfang von allem war. Bitten dringend um Geschichten. Hören zu und merken, dass es sich anfühlt, das Erzählte. So als hielte es uns an der Hand. Mehr noch: als würde es uns herumführen, nicht mehr loslassen, auf etwas beharren.
Wenn wir wollen, verstehen wir, dass jedes Erzählen uns Gelegenheit gibt, zu wissen. Dass alles, was vor Zeiten geschah, am Heute beteiligt ist, hier Licht macht und Schatten ausbreitet; dass wir in alten Geschichten zwar nicht selbst zugange waren, sie doch mit jedem Handgriff, jeder Regung, jedem Wort und jedem Gedanken wie auch immer fortsetzen; dass die aus Vergangenheit gemachte Gegenwart ein Unterfangen ist und zugleich unsere Möglichkeit zu erfahren, wer wir sind.
So läuft das gewöhnlich, aber bei Doris Gray, 1955 zur Welt gekommen, ging es völlig anders zu. Mit 70 Jahren kämpft sie gegen den Populismus, den Extremismus und den Machtanspruch der AfD. Sie ist eine der OMAS GEGEN RECHTS. Dorthin hat ihre Geschichte sie geführt: eine Geschichte, die sie selbst lange gar nicht kannte.
Mit einer unheimlichen Heimlichkeit ist sie aufgewachsen. Mit der verschlossenen Antwort auf eine offene Frage. Die stand im Raum, hat sich gezeigt wie Milchzahnlücken, jedes Mal, wenn das Mädchen mit dem rötlich braunen Bubikopf seinen Mund auftat, vom Vater wissen wollte, warum es von seiner Seite her in der Familie keine Großeltern, Tanten, Onkel, Cousinen und Cousins gab. Wenn er ihr Anliegen mit Stillsein übertönte, anstatt sie ins Bild zu setzen, die Tochter allein dastehen ließ.
Wohlsein hat das verschwiegene Zuhause in Königstein im Taunus dem Kind kaum beschert, indes viel mehr als nur eine Wissenslücke: einen Hohlraum im eigenen Dasein, einen Zwiespalt zwischen ihm und dem Ort, an dem es ahnungslos aufwuchs, sowie den Dingen, die es zwar etwas angingen, sich ihm aber nicht zeigten. Schweigen brüllt. Stößt einen auf das Verborgene. Ein „unbestimmtes Unbehagen“ habe in der Familie gesteckt, wird sich Doris Gray später erinnern. Sie erzählt ihre Geschichte bei mehreren Treffen, in denen immer mehr Details hinzukommen.
Das Erinnern steht im Gegensatz zum Vergessen. Kann ungemein hilfreich sein. Kann einen aber auch heimsuchen, verstummen lassen. So ist es bei Doris Grays Vater gewesen.
Im Skiurlaub scheuchte der Vater sie über den Alpenpass
„Er war so distanziert“, entsinnt sie sich, „zuweilen nicht nur verschlossen, sondern abweisend.“ Widmete er sich seinen beiden Töchtern doch einmal, so zuweilen auf irritierende Weise. „Er hat die verrücktesten Überlebenstrainings mit uns veranstaltet. Wir wussten nicht, was das sollte. Im Winter sind wir in die Alpen gefahren, mit dem Skilift in die Höhe, dann hat er gesagt: ‚Schnallt ab, wir laufen zu Fuß noch weiter hoch und über den Pass!‘ Meine Schwester und ich, kleine Mädchen, haben uns in den Schnee geworfen und geklagt: ‚Wir können nicht mehr!‘ Und er hat bestimmt: ‚Ihr müsst jetzt da drüber!‘ – ‚Papa‘, haben wir gefleht, ‚wir sind im Urlaub!‘ – Und er: ‚Nein, ihr müsst wissen, wie man mit den Skiern auf dem Rücken über die Berge kommt!‘ Er war niemals grob zu uns, alles andere als gewalttätig, aber was sich da abgespielt hat, war grob. Ich habe bei unserer Mutter Hilfe gesucht: ‚Mama, warum sagst du denn nie mal: Das reicht!?‘ Aber sie wusste ja Bescheid über das, wovon wir nicht mal eine leise Ahnung hatten: dass er unsere Flucht probt.“
Natürlich kann man Fragen wie die nach Verwandten oder dem Sinn der garstigen Skitouren wieder und wieder stellen. Kann die darauffolgende Stille jedes Mal als eisig empfinden, trotzdem ertragen, kann sich warm anziehen, wappnen. Nur heimeliger wird es dann eben auch nicht mehr, war es nie für Doris Gray, die sich lange Zeit im Ungesagten befand, eines Tages, längst kein Kind mehr, sondern eine Braut, unvermutet und mit Karacho in die Lücke der eigenen Familiengeschichte geriet. Das war in New York, 1982, als sie mit 27 dort den Mann heiratete, den sie liebte. Schwarz war der Bräutigam, Amerikaner. Im Brief zur Hochzeit, der aus Deutschland kam, schrieb der Vater: „Ich wünsche dir, dass du niemals Kinder bekommst.“
Ich sagte: ‚Das ist doch ein jüdischer Name. Warum kenne ich meinen Großvater nicht?‘
Doris Gray mit Ende vierzig zu ihrem Vater
„Da war ich schockiert. Wusste lange Zeit überhaupt nichts damit anzufangen. Erst viel später, mein Vater war alt und todkrank, saß ich in Deutschland, dort im Taunus, wo ich aufgewachsen war, an seinem Bett. Da hingen gerahmte Fotografien bei ihm an der Wand. Ich habe gefragt: ‚Papa, wer sind denn diese Leute?‘ – ‚Meine Eltern‘, sagte er. Ich zeigte auf den Mann im Bild. ‚Sally‘, gab er knapp bekannt.“ Sally, eine Kurzform des hebräischen Vornamens Salomon. „Ich sagte: ‚Das ist doch ein jüdischer Name.‘ Und mein Zeigefinder blieb auf das Bild gerichtet. ‚Warum kenne ich meinen Großvater nicht?'“
In der Erinnerung, mit dem Wissen, wie das Gespräch damals weiterging, erlebt sie ihn abermals, diesen geweiteten Augenblick, der dauert und dauert, trotzdem so gut wie leer bleibt, weil nur das Allernötigste geschieht, nämlich geatmet wird, derweil bei ihr der Verdacht aufkommt, dass der Vater sich auf eine unheimliche Weise nicht ausdrücken, mit Worten der Wirklichkeit nicht beikommen kann. Schlussendlich hält er sich so kurz wie nur möglich: „Ich stamme aus einer jüdischen Familie, deshalb gibt es keine Verwandten.“
Da saß sie nun endlich drin, in der Erzählung ihres eigenen Lebens. War mit Ende 40 im Bilde. Aber in was für einem?! Fraglich war auch, wozu die lang verhohlene, daher niederschmetternde Nachricht führen, ob eine Tochter, jäh überwältigt, nicht nur wieder aufstehen, sondern mit ihr auch etwas anfangen können würde. Durch weiteres Aufdecken hoffte sie, es herauszufinden. „Aber Papa, warum hast du uns das denn nicht gesagt?“ Noch einmal ließ er sie verdammt tief blicken: „Ich habe mich auch vor euch gefürchtet. Hättet ihr zu mir gestanden, wenn ihr gewusst hättet, wer ich bin? Alle haben uns doch gehasst.“
Sich furchtbar erschrocken zu haben, das ist, was sie im Gedächtnis hat von diesem Moment, da das Gespräch beendet war. Jedoch offenbart ihr das Zurückschauen noch mehr. Nicht wirklich kam, was der Vater da ausgesprochen hatte, aus heiterem Himmel. Nicht nur auf Skitouren, sondern des Öfteren war sein Verhalten verstörend seltsam gewesen. „Prägt euch diese Kontonummer ein“, hatte er Frau und Töchter einmal angewiesen, „das ist eine Bank in Amerika. Wenn wir eine Herzoperation brauchen, gehen wir dorthin.“ – „Warum denn so weit weg“, hatte Doris gefragt, „Deutschland ist doch ein hoch zivilisiertes Land?!“ Seine Antwort hat sie noch immer im Ohr. Mit dem flehenden Drängen einer Bitte war sie nicht dahergekommen, sondern mit dem spröden Charme einer Unterweisung: „Glaubt mir! Uns helfen sie nur in Amerika!“
Und noch mehr Begebenheiten von einst fühlten sich neuerlich an, zogen sie abermals zurück ins Geschehen. Wie war das noch gleich mit der Menora gewesen? Seit Jahr und Tag stand dieser siebenarmige Leuchter, ein auffälliges Inventar, das alte, zentrale Symbol des Judentums, das sich auch im Staatswappen Israels wiederfindet, bei ihnen zu Hause. Schon als kleines Mädchen hatte sie den Zeigefinger drauf gerichtet. Deutsches Kulturgut, ließ man sie wissen. „Ich wurde belogen“, sagt Doris Gray. „Mein Vater hat mir beigebracht: In Deutschland darf man keinem Menschen trauen, nicht mal dem eigenen Kind!“
Wie verfahren mit alten Geschichten, hinter denen sich längst eine Tür geschlossen hat, in denen man sich endlich auskennt, jedoch nichts mehr bewerkstelligen kann? Und wie umgehen mit alldem, was man durch sie über die Welt und sich selbst erfährt? So schnell wie möglich weg aus der Heimat, aus Deutschland, hatte sie gewollt. Hieß es doch, man könne Dinge hinter sich lassen.
Zunächst jedoch musste sie dringend an Bord eines Flugzeugs. Sie sah eine Fährte und hoffte, endlich bei sich, in der Familiengeschichte anzukommen. War nach etlichen Reisestunden in Yad Vashem, Jerusalem, angekommen, der zentralen israelischen Gedenkstätte für die Opfer des Holocaust, die an sechs Millionen Ermordete erinnert, deren Fotografien sammelt, Lebensgeschichten und Schicksale erforscht. In der „Halle der Namen“ stieß sie auf den ihres Großvaters, auf Verwandtschaft, eine große Familie. Erfuhr von einer gespenstischen Flucht, die ihre Vorfahren erst von Frankfurt nach Utrecht geführt hatte, dann ins Polizeiliche Judendurchgangslager Westerbork in den deutsch besetzten Niederlanden, von dort nach Auschwitz.
„Papa!“, hat sie ihn wissen lassen, „deine Leute sind gar nicht geflohen! Sie haben dich nicht einfach zurückgelassen! Du bist der einzige Überlebende!“ Doch manche Neuigkeit ist zu spät. Lässt sich in Empfang nehmen, aber nichts mehr mit sich anfangen. Belässt es ein für alle Mal beim tiefen Schmerz. Der wird gesalbt, aber bleibt in einem drin.
Schon Ende der 1980er-Jahre, sie war Ende zwanzig und ahnte noch nichts von ihrer Familiengeschichte, kehrte sie Deutschland den Rücken. Hat in Kenia gelebt. In Algerien und Marokko mit Geflüchteten gearbeitet, in Tunesien mit Frauen, die politische Gefangene oder Verfolgte waren. Hat als Dozentin an der Florida State University in den USA die Forschungsergebnisse aus Nordafrika eingebracht, war auf eine Art rastlos, kam auf andere Art irgendwo an. Zog erneut gen Marokko, war wieder in Algerien, schlug abermals in Amerika auf. Wurde vor allem in New York City immer wieder von jüdischen Gruppen angesprochen. Lehnte jedes Mal heftig ab. Aber sie sei doch Jüdin, behauptete man. Nein, erwehrte sie sich, Deutsche! Konnte die Ansprachen straff beenden, mit sich selbst aber auch nicht wirklich etwas anfangen.
Wenn der unsichtbare Weitwanderpfad, über den sie seither durch ihr Dasein ging, Wegweiser gehabt hat, dann haben die ihr die gewissermaßen entgegengesetzte Richtung gewiesen, waren in etwa so beschriftet: „Zum guten Miteinander aller„.
Südafrika, Nairobi, Kenia, Marokko. 2020 kam sie zurück ins, nun ja, Heimatland
Sie war Auslandskorrespondentin der Nachrichtenagentur dpa in Südafrika, Nairobi, Kenia. Hat an der Florida State University gelehrt, an der Al Akhawayn University in Ifrane, Marokko, das Gender-Studies-Programm geleitet, war Direktorin des Hillary Clinton Center for Women’s Empowerment, wurde Professorin für Frauen und Gender Studies.
Enkel hat Oma Doris keine, den empörenden Wunsch ihres Vaters jedoch trotzig ignoriert und drei Töchter zur Welt gebracht. Wie jede Mutter war sie nun verletzlich, erträgt bis heute mit aller Kraft den Schmerz, der sie heimsuchte, als das älteste Kind mit 15 Jahren bei einem Autounfall in Marokko starb.
2020 kam sie zurück nach Deutschland, ins, nun ja, Heimatland. Entschied sich für Berlin, für eine Bleibe im Ostteil der Stadt, weil der ihr gänzlich fremd, daher herausfordernd, also verlockend war.
Allerdings ist sie auch hier und jetzt nicht auf gut Glück unterwegs. Hat schon von Marokko aus erkundet, was es nach der akademischen Laufbahn, im sogenannten Ruhestand, in Berlin für sie zu tun geben würde. Hat progressive jüdische Organisationen ins Auge gefasst, ist auf die herrlich wild entschlossene Fridays-for-Future-Bewegung gestoßen, dann auf etwas Bitterernstes, das ihr, so selbstbewusst und kess, wie es daherkam, prompt ein Schmunzeln beibrachte: auf die Berliner Omas gegen Rechts. Zwar verstand sie nicht so ganz, was über deren Tun im Netz zu lesen war, aber es gab ja eine E-Mail-Adresse. Schwupp, war sie abgegangen, die Post, mit der sie ihre Lust aufs Mitmachen bekundete. Schwupp, war die Antwort da. Schwupp, hat Doris Gray die Koffer ausgepackt, das beige Cowboy-Artefakt auf den mittlerweile weißen Bubikopf gesetzt und bei der parteiunabhängigen Bürgerinitiative, die bereits seit 2017 in Form von losen Gruppen hier und da im Land in Erscheinung getreten war, mitgetan.
Seit 2019 sind die Omas gegen Rechts Deutschland ein eingetragener Verein. Begründet hatte ihn Jutta Shaikh aus Frankfurt am Main, schon 2017, zwei Jahre zuvor. Da war sie gerade im Rentenalter angekommen, doch wie Ruhestand fühlte sich das nicht an, denn der Fernsehapparat, das Radio, das Handy, die täglichen Nachrichten haben sie in einem fort bekümmert und bedrängt.
So saß sie kaum mal gelassen auf dem Sofa in ihrer Wohnung, weil draußen im Nachbarland Österreich, mitten in Europa, Ungeheuerliches geschah. Weil die Freiheitliche Partei, die FPÖ, freundlichst Verbindung aufnahm mit der Identitären Bewegung Österreichs, einem 2012 gegründeten, völkisch orientierten Zusammenschluss von neurechten und rechtsextremen Aktivisten, dem von Wissenschaftlern, Verfassungsschützern und Fachjournalisten „Rassismus ohne Rassen“ attestiert wurde. Die FPÖ durfte in Österreich schon mitregieren.
Doris Gray versuchte, sich das Ereignis klarzumachen, doch nur ein schreckenerregender Gedanke stand zur Verfügung: Das bedeutet im Grunde: das Recht auf Rechtsextreme in einer Regierung.
Allein in ihrer Stube mit dieser Eingebung, das war hart. Nur mit der Tastatur ließ sich reden, nur Facebook erhörte sie. Doch saß sie nicht als einzige so gottverlassen da. Jedenfalls verfloss kaum Zeit, bis das soziale Netzwerk sie wissen ließ: Hier sind noch andere, die sich sorgen. Ein Online-Auflauf war entstanden, wurde binnen Stunden größer und größer. Sorgenvolle Frauen, die erwachsene Kinder hatten und Enkel, kamen rasant in Unruhe. Stark und spontan ging es zu, leidenschaftlich, entschieden.
Binnen Tagen waren es so viele Entrüstete, dass es unglaublich schien, geriet die aufgeregte Gruppe zur hoffnungsvollen Truppe. Keine in diesem Frauenbündnis hat das, was sich gerade anbahnte und rasch ausdehnte, etwa als eine Schlacht bezeichnet. Bis im November 2017 ein Mann seinem Bedürfnis nachkam und sozusagen wie ein Rüde über die Gefechtslinie pinkelte. Wenn man schon so alt sei und vor lauter Emanzipation nicht mal stricken gelernt habe, solle man ruhig sein, ließ er Jutta Shaikh über Facebook wissen, und fügte hinzu: Meine Oma würde sich schämen.
Herrlich war dieses Gemecker, das sich große Mühe gegeben hatte! Rückblickend vielleicht sogar entscheidend, weil es der von Sorge getriebenen Frauenbewegung, die da gerade entstand, einen bestrickend schönen Namen offerierte. Den 17. November 2017 nennt Jutta Shaikh den Gründungstag der Omas gegen Rechts.
Seitdem waren die Frauen erst recht nicht mehr ruhig. Wurden viele, wurden immer mehr, wurden 2019 zum eingetragenen Verein. Wurden angegriffen, aber auch gutgeheißen, auf eine Art beachtet, gefeiert, verehrt, waren Pop. Ahnten: Was es zu erledigen gab für sie, würde von Dauer sein. Und dass es darauf ankommen würde, sich nicht einschüchtern zu lassen.
Die Vereins-Homepage nennt mittlerweile über 30.000 Omas, „allesamt in unseren Haltungen und unserem Tun verbunden“. Manche haben Enkel, andere wie Doris Gray eben nicht. In der 2018 gegründeten bundesweiten Facebook-Gruppe drängen sich 45.000 Menschen. Von Beginn an ist die heute 75-jährige Jutta Shaikh Sprecherin der Ortsgruppe Frankfurt und 2. Vereinsvorsitzende der Ortsgruppe Deutschland e.V., kämpft sich lustvoll, weil besorgt durch einen stürmischen Herbst des Lebens. Einen „Fulltime-Job für die Demokratie“ hat sie das genannt, als man ihr im April 2025 im Kaisersaal die Bürgermedaille der Stadt Frankfurt verlieh.
Auch in der Schweiz, in Polen, Italien, Österreich und den Niederlanden sind Omas gegen Rechts zugange. Die sonderlichen Aufzüge von Frauen einer Generation, der wir bislang, wenn gut erzogen, die schwere Tasche getragen haben, laden sich jedes Mal ordentlich was auf, wenn es gegen Rechtsextremismus, aggressive Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus, Nationalismus, Demokratiefeindlichkeit, die Verherrlichung von Gewalt und die Ablehnung des Gleichheitsprinzips geht. Doris Gray in Berlin hat dann ein Mitbringsel aus ihrer Lebensgeschichte auf dem Kopf: den beigefarbenen Cowboyhut, das Sinnbild des amerikanischen Westens, das von Freiheit, Unabhängigkeit und Abenteuer schwärmt. Was sie und die anderen Omas auf die Straße treibt, nennt sie Ehrenamt.
Sich in aller Öffentlichkeit die Oma-Identität zu geben, das ist eine Zäsur im Leben.
Doris Gray
„Der Vorsatz, mit der eigenen Lebenserfahrung etwas anzustellen, sich zu kümmern, Menschen gutzutun, quasi aufeinander aufzupassen, das hat mir gleich gefallen“, sagt Doris Gray. Kaum dass sie in Berlin von jenen erfahren hat, ist sie eine von ihnen geworden, in der Stadtteilgruppe Treptow-Köpenick angelandet, regelmäßig kommen sie in Büroräumen zusammen. Gar nicht abwegig ist, dass sich jedes Treffen ausnimmt wie eine Therapie: Was haben wir erlebt? Was geht uns durch den Kopf? Auf welche Gedanken bringt uns das? Was können wir tun in Schulen, Familien, im Miteinander? Und was in der U-Bahn?
„Mir gefällt dieser Übermut, im wahrsten Sinne des Wortes. Diese beinahe Lust von Frauen, zu ihrem hohen Alter zu stehen. Sich in aller Öffentlichkeit die Oma-Identität zu geben, das ist eine Zäsur im Leben. Nicht nur, wenn man, so wie ich, gerade eben noch Frau Dr. Professor gewesen ist. Jedenfalls musste ich einen großen Schritt machen, um nicht nur zu akzeptieren, vielmehr wertzuschätzen, dass ich nicht nur erfahren, begabt, wissend, im Kopf und überhaupt beweglich, sondern auch eine alte Frau bin.“
Über Mut lässt sich sprechen. Ein Cowboy hat ihn, aber er ist ja auch bewaffnet. Doris Gray strafft ihren schmalen, wendigen, alle Oma-Vorstellungen durchkreuzenden Körper, wenn sie übers Mutigsein spricht. Was sie ansonsten nicht nur tapfer, auch mit tiefer und fester Stimme reden lässt, ist ihre eigene Geschichte. Das ist das, was Hitlerfaschismus, der Zweite Weltkrieg mit ihren Eltern angerichtet hat. Das sind die Nachkriegsjahre, die jene ihren Kindern nicht ersparen konnten, ist das eigene Erleben der langen Zeit, in der dann noch weitergekämpft werden musste, um in der Demokratie auch die Rechte für Minderheiten zu verwirklichen.
Bröckeln, sagt sie. Verwendet ein schwaches Verb, dessen Vokal sich um die Zeitform nicht schert, weil er stets unverändert bleibt. „Was derzeit davon alles bröckelt, infrage gestellt, zurückgedreht werden soll, das motiviert und eint uns Omas.“ Guter Dinge ist sie mit dem ungewöhnlichen Engagement gegen Rechts, dem Zusammenschluss alter Frauen, die sich, würde ihr Vorhaben sie nicht einen, wohl kaum ein Miteinander vorstellen könnten.
In der Stube hocken ist gar nicht ihr Ding. Es gibt doch zu tun
„Wir kommen alle aus so verschiedenen Hintergründen, was die Bildung, den Beruf, die soziale Herkunft anbetrifft. Und haben, wenn wir uns treffen und beraten, längst nicht immer dieselben Vorstellungen. Die eine möchte gern laut und mit Trommeln auf die Straße gehen, die andere sitzt in ihrem Kämmerlein und schreibt Briefe an Bundestagsabgeordnete, wieder andere halten gerne Reden oder verfassen Petitionen.“
Lebenstüchtigkeit macht die Kraft der Omas aus. Nebenbei erworbene Vielfalt. Die Geduld alter Frauen. Doris Gray sagt: „Jede von uns setzt ein Teilchen ins Puzzle.“
Sie ist jetzt 70 Jahre alt, nach wie vor schlank und rank. Manchertags, wenn der Körper spukt, würde sie vielleicht einwenden, das sähe nur so aus. Gerade hat sie eine Augenoperation hinter sich. Konnte auf dem Smartphone so gut wie nichts sehen. Hockte in der Stube. Was gar nicht ihr Ding ist. Es gibt doch zu tun. „Die alte Frau und der Kachelofen werden gern in ein Bild gesetzt“, sagt sie.
Und: „Gemütlich soll es sein, ist es aber nun mal auf der ganzen Welt nicht. War es nie.“

November 2025
Erklärung unserer Pressestelle
Gefahr für Grundrechte und Datenschutz:
Wir OMAS GEGEN RECHTS BERLIN setzen uns für den Schutz unserer Grundrechte und demokratischen Werte ein. Dazu gehören auch die Schutzrechte wie die informelle Selbstbestimmung. Daher beobachten wir mit großer Sorge die teilweise Einführung von Palantir-Technologien in Deutschland.
Aus unserer Sicht sprechen folgende Argumente für diese ablehnende Haltung:
Die Funktionsweise von Palantir widerspricht zentralen Prinzipien der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO):
• fehlende Transparenz
• mangelnde Zweckbindung
• unbegrenzte Speicherung
• unzulässige Profilbildung
Letztere wurde vom Bundesverfassungsgericht bereits als verfassungswidrig eingestuft. Sicher ist Ihnen bekannt, dass eine Klage der Gesellschaft für Freiheitsrechte gegen Palantir beim Bundesverfassungsgericht anhängig ist.
Je mächtiger und ausgefeilter die digitalen Analysewerkzeuge, desto größer ist das Risiko ihres Missbrauchs – etwa zur Überwachung politischer Gegnerinnen und Gegner oder zur Diskriminierung bestimmter Bevölkerungsgruppen. Amnesty International hat Palantir bereits wegen Beteiligung an Menschenrechtsverletzungen kritisiert. Es ist kaum vorstellbar, was es bedeutet, wenn eine Landesregierung mit AfD-Beteiligung Zugriff auf die durch Palantir verknüpften Daten erhalten würde. In den USA sehen wir, wie durch das „Department of Government Efficiency“ sensible Bürgerdaten zentralisiert und mit Palantir-Software verarbeitet werden: Finanzdaten, Gesundheitsdaten, Meldedaten.
Ein gläserner Mensch verliert seine Freiheit – bei Versicherungen, Darlehen, Eigentum, Jobsuche, Wohnungssuche und mehr.
Unsere Forderung:
Wir möchten Sie daher als Presse und als öffentliche Medien auffordern, vor den Abstimmungen in Gremien auf Bundesebene, wie z.B. im Vorfeld der nächsten Konferenz der Innenministerinnen und -Minister vom 3.-5. Dezember d.J. in Bremen, über die damit verbundenen Gefahren für die informelle Selbstbestimmung bei der Einführung von Palantir, sachgerecht zu berichten. Europäische Firmen bieten bereits datenschutzkonforme Lösungen an, die mit den Werten und Gesetzen der EU vereinbar sind.

Presseerklärung zur Demonstration in Berlin -All Eyes On Gaza-
Tausende von Menschen gingen am 27.9.2025 in Berlin auf die Straße, um friedlich gegen Waffenlieferungen der deutschen Regierung an Israel zu protestieren und an das Leid der Zivilbevölkerung im Gazastreifen zu erinnern.
Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass während der Demonstration eine Gruppe mit dem Emblem der OgR sich gegen den Aufruf zur Beendigung der Gewalt wandte, mit der Begründung, dieser sei antisemitisch und daher zur bedingungslosen Solidarität mit Israel aufrief. Diese Haltung wird von der überwiegenden Mehrzahl der in Berlin engagierten OMAS GEGEN RECHTS nicht geteilt.
Wir OMAS GEGEN RECHTS stehen für eine Politik, die sich an nachhaltigen Friedensbemühungen, Menschenrechten und Demokratie orientiert. Aus diesem Grund solidarisieren wir uns mit Protesten. Wir tun dies aus unserer Grundhaltung heraus, für Menschenrechte, Völkerverständigung und gegen übermäßige militärische Gewalt einzutreten.
Wir verurteilen die militärischen Aktionen der israelischen Armee, die unermessliches Leid der palästinensischen Zivilbevölkerung vor allem im Gazastreifen zur Folge haben, die Vertreibung, Hunger und Tod für Tausende von Menschen bedeuten. Auf diese Weise lässt sich keine nachhaltige Lösung für den Konflikt im Nahen Osten finden.
Wir sind uns unserer besonderen Verantwortung als Nachgeborene in Deutschland bewusst. Wir verurteilen Antisemitismus. Wir verurteilen Rassismus und Islamfeindlichkeit. Wir setzen uns dafür ein, dass Jüdinnen und Juden (nicht nur) in Berlin frei und ohne Angst leben können. Palästinenserinnen und Palästinenser sollen mit ihrem Leid wahrgenommen werden und dieses öffentlich äußern dürfen.
Uns steht aber auch vor Augen, dass wir ZeugInnen eines Menschheitsverbrechens im Gazastreifen sind. Unser Appell geht an die deutsche Regierung, keine Waffen zu liefern und alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um zu einer friedlichen Lösung zu kommen.

Ein Interview mit „unserer“ OMA Doris G., veröffentlicht am 1.10.2022. im Berliner Tagesspiegel
